It’s the end of the world as we know it

Nudeln, Konserven und gesunder Menschenverstand ausverkauft

Eine Kolumne von Tommy Gerstner

Das war’s dann also Freunde, Ende, Schluss, Aus, Schicht im Schacht. Die Welt ist im Eimer und das nicht etwa weil der orangene Donald lustige rote Knöpfe in seiner Handtasche entdeckt hat, sondern weil ein lustig aussehender, mikroskopisch kleiner Tischtennisball mit Stecknadeln gespickt, eine weltweite Party in unseren oberen Luftwegen feiert. Fast 3000 Tote weltweit hat die kleine Arschkrampe, die auf den etwas sperrigen Namen Covid-19 hört, mittlerweile auf dem Gewissen. (Kleiner Fun Fact am Rande: Alleine letztes Jahr sind weltweit rund neun Millionen Menschen den Hungertod gestorben, aber auf rationale Vergleiche ist doch im Jahrzehnt der unverhältnismäßigen Überreaktionen im Netz wirklich geschissen.)

War der ganze Mist noch vor wenigen Wochen das Problem dieser seltsamen Chinesen, jenen abstrakten Menschen deren Kleinkinder unsere Smartphones und Jeanshosen zusammenbasteln, hat sich Captain Covid nun auch den Höhepunkt von Gottes Schöpfung vorgeknöpft: Den edlen Deutschen. Doch wie es nun einmal unsere Art ist, tragen wir die Krise mit Fassung, Souveränität und stets erhobenen Hauptes. Davon konnte ich mich gerade bei meinem samstäglichen Einkauf in unserem örtlichen Discounter überzeugen. Als ich den Laden betrete, kärchert der Azubi gerade die blutigen Überreste von Cindy und Mandy in den Ausguss, die sich offensichtlich in der erhitzen Diskussion um die letzte Dose Ravioli am Ende nicht einig werden konnten. Ein paar Gänge weiter versetzt Oma Hilde dem alten Opa Kaluschke mit dem Rollator einen veritablen rechten Haken und zieht mit den erbeuteten Makkaroni gen Kasse.

Angesteckt von dieser erstklassigen Hysterie und mit dem Fachwissen von neun Staffeln “The walking dead“ im Hinterkopf, stürze auch ich mich ins Getümmel der tollwütigen Hamster. Ich besorge mir also zwei Reisekoffer, klebe die Gepäck-Abschnitte von China Airways gut sichtbar an die Henkel und betrete laut hustend und röhrend den Supermarkt. 7,2 Sekunden später habe ich die ganze Filiale komplett für mich alleine und verlasse mit meinem Einkauf (Frikadellen, Ketchup und die neueste Ausgabe von “Mega Titten” wie jeden Samstag) den verwaisten Kassenbereich.

Also ich zu Hause ankomme, ist auch bei uns in der Straße mittlerweile emsige Betriebsamkeit ausgebrochen. Mein Nachbar Heinz jagt gerade mit Schweißermaske und rosa Haushaltshandschuhen bekleidet, den italienischen Postboten mit seiner Pumpgun vom Grundstück. Die kleine Lisa von nebenan knotet Einmachgläser-Gummis an die Slipeinlagen ihrer Mutti und vertickt diese als Atemschutzmasken für 50 Mäuse das Stück an die Nachbarschaft. (Schlange bereits 150 Meter lang, Anfragen aus dem In- und Ausland liegen vor). Henning aus der 7b schaut sich derweil auf dem Tablet die fachlichen Anleitungen aus der ersten Staffel “A-Team” an und schweißt Stahlbleche mit Sichtschlitzen an seinem VW-Bus. Läuft!

Bild: Vanessa Oberst

Entspannt setze ich mich auf meine Terrasse und genieße das samstägliche Treiben in meiner Straße, endlich mal wieder was los in meinem sonst so ruhigen Kraichgau-Dörfchen. Ach Coronavirus, vielen Dank dass du uns die sonst so langweilige Zeit zwischen Fasching und Ostern versüßt. Ich könnte dich küssen dafür, habe aber leider keine Zeit. Gerade geht nämlich das Gerücht über WhatsApp um, der Maier Thomas aus der 18 wäre positiv getestet worden… Und da kommt ja auch schon der wütende Fackel-Mob die Straße entlang…nur noch schnell die Mistgabel aus der Garage holen, der Samstagabend ist gerettet.

Wir sehen uns auf der anderen Seite Freunde

Euer Tommy

PS: Diese Kolumne ist unseren Ärzten im Kraichgau gewidmet, die sich derzeit ob der massiven Überreaktion ihrer Schäfchen synchron an den Kopf fassen und natürlich den unzähligen Arschkrampen in den Redaktionsräumen dieser Republik, die auf ihre journalistische Verantwortung scheißen und durch sensationsheischende Liveticker und die Verbreitung jeder noch so unwichtigen Information zugunsten von Klicks, das Hirn der Menschen wohlwissend in eine panisch vibrierende Schlacke verwandeln. (und sich später in weiteren Artikeln genau über die Reaktionen echauffieren, die sie selbst losgetreten haben)