Wen juckt schon die olle Kita-Tante?

Obwohl sie durch das Virus gefährdet sind wie in kaum einem anderen Beruf, scheint die Welt die Erzieher/innen vergessen zu haben.

Eine Kolumne von Thomas Gerstner

Mal ehrlich, meine liebenswerten Kollegerinos.. wann habt ihr das letzte Mal an eure Kindergartentante aus den längst veronnennen, grauen Urzeiten eurer Kindheit gedacht? Ihr wisst schon.. damals als wir Blagen noch Michael, Miriam, Andreas, und Thomas anstatt Sean-Clifford, Tracy-Sandy-Blue oder Bibi-Tina-Flitzpipino hießen…? Ich erinnere mich schon an ein paar stattliche Ladys (entschuldigt die fehlende Genderei, aber damals waren das meiner Erinnerung nach nur Frauen). Am Anfang waren sie ein Ersatz für unsere Mamas (diese kaltherzigen Miststücke, die uns einfach abgegeben, allein gelassen und vergessen haben), gegen später hin und wieder auch Projektionsflächen unseres ersten rudimentären Verknalltseins. (Ach Fräulein Meissler, ich hoffe sie tragen meine Makkaronikette auch noch heute). In jedem Fall waren sie aber stets und unermüdlich ein Fels in der Brandung, umstürmt von einer niemals abschwellenden Kakophonie, brüllender und hochfrequenter Kinderstimmen in einem chaotischen Malstrom wuselnder Füße und donnernder Dreirad-Räder auf kratzigem Asphalt. Sie haben mit uns gesungen, gemalt, gebastelt, haben uns Grundbegriffe des demokratischen und sozialen Miteinanders beigebracht, haben Raufbolde getrennt, schmutzige Hosenböden abgewischt, Kuchen gebacken und – das besondere Highlight meiner Kindergartenzeit – zu jedem Kindergeburtstag eine Rakete aus einer brennenden Serviette gebastelt, bei der heute jeder Brandschutzbeauftragte zeitgleich Schnappatmung und multiple Herzaussetzer erleiden würde.

In meinem Fall ist das bereits viele Jahrzehnte her und doch hat dieser Beruf kein bisschen an Herausforderung und Anspruch verloren. Ganz im Gegenteil: Heute kreisen zusätzlich über den Köpfen der liebenswerten Kita-Tanten und Onkel noch Helikopter-Eltern mit ratternden Rotoren, die ihre Kids schon 5 Minuten nach der Entbindung in die Betreuung bringen, dann aber doch sicherstellen wollen, dass Klein-Kenneth-Liam-Frodo nur mit veganer, bei Vollmond gepflückter Soja-Pastinake gefüttert wird. Am besten natürlich garniert mit allen Raffinessen frühkindlicher Erziehung, wäre doch schade wenn der eigene Nachwuchs die Kita ohne Graecum und großes Latinum verlassen würde. Naja, wenigstens werden die Kita-Tanten fett bezahlt und können sich nach Feierabend in den von ihren etwa 2.100 € üppig gefüllten Geldspeicher stürzen. 

Schon klar, dass ist kein Job den man des Geldes wegen macht, hier braucht es Berufung und viel Idealismus. Ressourcen, über die nicht jeder von uns verfügt. Nach meinem sozialen Praktikum im Kindergarten während meiner Schulzeit, wollte ich mir am Ende des Tages mit den stumpfen Bastelscheren die Pulsadern öffnen. Um dieses schrille Chaos dauerhaft zu ertragen, wäre in meinem Fall eine transorbitale Lobotomie notwendig gewesen.

Machen wir einen kurzen Sprung ins kalte Wasser des allseits beliebten Jahres 2021. Nach meinem Dafürhalten ist der Job eines Erziehers immer noch unter den Top-Five der undankbarsten Arbeitsplätze weltweit, gleich irgendwo hinter Kindersklave in einer mongolischen Erzmine und Gleichstellungsbeauftragtem im türkischen Staatsministerium. Was den Alltag in der Kita aber dieser Tage minimal verkompliziert, ist die heimtückische kleine Arschkrampe namens Captain Covid. Gerade erst hat eine Studie aus Rheinland-Pfalz glasklar aufgezeigt, dass Erzieher/innen ein besonders hohes Risiko tragen sich mit Corona zu infizieren. Das verwundert bei genauerem Hinsehen nicht wirklich. Die Damen und Herren sind dafür zuständig tagtäglich dutzende kleine Ärsche zu reinigen, in inniger Umarmung Trost zu spenden, kleine Münder zu füttern, Tränen zu trocknen, Haare zu kämmen und unkompliziert und menschlich Nähe und Wärme zu spenden. Ich bin mir doch recht sicher, dass dies nicht mit 1,5 Metern Abstand gelingt. Vielleicht haben ein paar Kitatanten den akrobatischen Move entwickelt, eine Windel mit Teleskopstöcken zu wechseln, in den meisten Fällen dürfte es doch aber auf die gute alte Tuchfühlung hinauslaufen. Nicht hinter Plexiglasscheiben, sondern krass konkret im real life, Bros.

Irgendwie scheinen aber Gott und die Welt die tapferen Einsatzkräfte in unseren Kindertagesstätten vergessen zu haben. Es wurden bisher keine flächendeckend verfügbaren Luftreiniger organisiert, die Truppe ist nicht mal ansatzweise vollständig durchgeimpft und die so genannte „Notbetreuung“ kann mittlerweile mit einem handschriftlichen Attest auf einem Schmierzettel aus dem Yps-Magazin in Anspruch genommen werden. Nach der Auslastung von Kitas mancherorts zuschließen, arbeitet die gesamte Bevölkerung zwischenzeitlich in systemrelevanten Berufen. Dennoch rücken bei all unseren Diskussionen um unsere Kinder in der Corona-Krise immer nur die Schulen in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit. Die Lehrer fordern dies, die Gewerkschaft moniert das, Elternvertreter zeigen sich empört… im Getöse des Lamentierens gehen die eher verhalten formulierten Bedenken der Erzieher/innen einfach unter. Eine seltsame Fokus-Verschiebung, bedenkt man dass die oben angeführte Studie ergeben hat, dass Lehrer/innen sich sehr viel seltener bei ihren Schützlingen anstecken, als dies bei Erzieher/innen der Fall ist.

Schiebt das nicht in den falschen Hals Freunde. Ich ziehe meinen Hut vor all jenen Menschen, die tagtäglich trotz aller Gefahren für die eigene Gesundheit zur Arbeit gehen, die sich nicht unterkriegen lassen und die dafür sorgen, dass das Leben in unserer Gesellschaft weitergehen kann. Besonders tief ziehe ich aber meine Krempe heute talwärts für jede Erzieherin und jeden Erzieher. Danke dass ihr da seid und euren Job stoisch, selbstlos und vielleicht etwas zu klaglos verrichtet. Ihr wisst ja, wer heute nicht schreit, wird nicht mehr gehört. Vergesst dabei ferner nicht: Ohne euch geht nichts, aber auch gar nichts. Erhebt also gerne eure Stimmen. Wer es schafft eine 20-köpfige Kindermeute zu übertönen, der wird bestimmt keine Probleme haben, sich Gehör zu verschaffen.

Es grüßt euch herzlichst euer Tommy

PS: aber jetzt sagt mal, wie zum Teufel funktioniert das eigentlich mit der Serviettenrakete?