In the army, now!

Schluss mit “Alles kann – nix muss” – Mehr Pflicht für den Wicht

Setzen Sie sich, machen Sie es sich bequem und entschuldigen Sie, dass ich in ihrer Gegenwart rauche. Um dieses Kapitel meiner wilden Biografie noch einmal zu durchleben, brauche ich jetzt ein paar Kippen und hin und wieder einen Kurzen. Skål, Freunde. Diese kleine Zeitreise werden meine geschätzten Geschlechtsgenossen und Mitpimmler weitaus weniger gelassen hinter sich bringen, als meine weibliche Leserschaft (beste Grüße an alle beiden by the way), aber was muss das muss.

Schließen Sie Ihre Augen und kehren Sie mit mir zurück in eines der letzten Jahrzehnte des scheidenden Jahrtausends. Birne ist noch Kanzler, vom Golf gibt es erst zwei Modelle, die alte Röhrenglotze empfängt popelige drei Programme und Falco ist noch nicht tot, sondern in den Charts. Ich stehe mit einem mulmigen Gefühl im Bauch auf den eiskalten, kotzbraunen Fliesen im Raum 238 des Heilbronner Kreiswehrersatzamtes – in der Hand meinen Musterungsbescheid, in den Kniekehlen meine ausgeleierte Feinripp-Buchse mit Eingriff. Eine Amtsärztin, die wie eine abgehalfterte Kugelstoßerin aus der UdSSR aussieht, fordert mich auf mich zu bücken. Mit routiniertem Griff packt sie meine Cojones und fordert mich auf zu husten. Ich tue wie geheißen, während Roman Herzog spöttisch lächelnd aus seinem Bilderrahmen auf mich herab starrt. “Anziehen und draußen warten” kommt schließlich der bellende Befehl und ich trete zurück in die Reihe der anderen 18-jährigen, armen Schweine, die heute und hier vom deutschen Staat auf ihre Wehrtauglichkeit hin untersucht werden sollen.

In der Warteschlange beginnt dann sogleich hinter vorgehaltener Hand das Tuscheln über das weitere Vorgehen und die höchst eigene, persönliche Taktik eines jeden hierbei. Keine Frage, ich hatte mich auf diesen Tag vorbereitet und mir ein paar Tipps der Veteranen zu Gemüte geführt. Mein erklärtes Ziel: Tauglichkeitsgrad T5 oder wie er anderweitig wundervollerweise genannt wird: nicht wehrfähig. Für diesen Freifahrtschein hatte ich mich voll ins Zeug gelegt und alle Register gezogen: Saufen am Vorabend, absichtlich beim Seh- und beim Hörtest bescheißen (Nein, ich höre keinen Piepston) und natürlich das mitgeführte Zuckerstückchen für den Urinbecher…. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Im Anschluss an die mitunter recht entwürdigenden, körperlichen Untersuchungen, ist noch eine Audienz beim Psychologen angesagt. Ein kettenrauchender, übergewichtiger Pensions-Aspirant sitzt mir im mausgrauen Einreiher an einem riesigen Schreibtisch gegenüber, der einem James Bond Bösewicht zur Ehre gereicht hätte. Seine zwischen dichten Qualmwolken formulierten nullachtfünfzehn-Fragen werden immer wieder unterbrochen durch donnernde, gurgelnde Hustenanfälle. Ich bemühe mich so lustlos und wortkarg zu antworten wie es nur irgendwie geht, am Ende beugt sich der Mann aber dennoch ungelenk über die wuchtige Tischplatte und sagt doch tatsächlich: “Mein Junge, ich sag mal so, willkommen bei der Truppe”. Am Arsch gelobtes T5, der gute Tommy ist T2.

Ich wollte aber ums Verrecken nicht zum Militär. Zum einen aus moralischen Gründen und zum anderen aus blankem Pragmatismus, oder vielmehr aus reinem Selbsterhaltungstrieb. Zur Praktikabilität des Wehrdienstes im kohlschen Deutschland, gab es nämlich von den älteren Brüdern in meinem Freundeskreis, weitestgehend übereinstimmende Schilderungen. Sechs Wochen schweißtreibende Grundausbildung und danach monatelanges Rumsitzen – garniert mit einem Saufgelage nach dem anderen. Klar, wenn man es richtig anstellt, konnte man beim Bund weitestgehend unter dem Radar fliegen. Mein Kumpel Mikael hatte als Taktik stets einen Eimer auf dem Kasernengelände dabei. Damit wirkte er immer beschäftigt und niemand stellte schwierige Fragen. Jo, kann man machen. Ich wollte trotz meiner diesbezüglichen Abhärtung im Internat dennoch nicht in eine Stube mit zehn anderen, müffelnden, flaumbärtigen Endphasen-Teenagern einziehen, schwere Rucksäcke durch die Walachei tragen und jeden Abend in einem nach Urin stinkenden Gemeinschaftsraum versumpfen.

Zu meinem Glück konnte man damals den Wehrdienst mit einer entsprechend guten Begründung verweigern und zugunsten des Zivildienstes eintauschen. Das war in der Geschichte des Wehrdienstes mal mehr und mal weniger leicht. Teilweise ging es gar nicht, teilweise musste man vor einem Gremium begründen, manchmal ging es sogar mit einer simplen Postkarte und einem Einzeiler. Ich war in jener Phase zur Musterung herangezogen worden, als es noch einen kleinen Roman für die Begründung der Verweigerung brauchte. Die Stilelemente waren immer die gleichen und wurden mehr oder minder diskret unter der Hand weitergereicht. Wenn man Stichworte wie “Schutz allen Lebens” oder den oft gelogenen Mega-Trumpf “traumatisierter Großvater” zückte, war der positive Bescheid eigentlich nur eine Formalität.

Auf diese Art und Weise rutschte auch der alte Tommy der Truppe vom Spaten und absolvierte seinen Zivildienst in einer Einrichtung für schwerstbehinderte Menschen fernab der Heimat. Wer glaubt hier nur auf das moralisch hochwertigste Destillat einer jeden Generation zu stoßen, der möge sich bitte selbst rechts und links eine ordentliche Watschn verpassen. In meinem fensterlosen unter der Erdoberfläche gelegenen Wohnheim, traf ich auf so ziemlich jede Ausprägung menschlichen Lebens. Kiffer, Trinker, Zocker, taffe Kerle, Muttersöhnchen, Neo-Hippies, Punks, Gothics, dumme Arschlöcher, aber auch Freunde fürs Leben. Ich traf auf die ganze Bandbreite unserer Gesellschaft, einen bunten Haufen, den ich – wäre ich so wie die heutigen Generationen einfach in der eigenen Blase geblieben – niemals kennengelernt hätte.

Es war harte Arbeit, wir lebten in einfach Verhältnissen und zudem in hygienischen Zuständen, die Infektionsmediziner vermutlich als kritisch eingestuft hätten und dennoch: Es war mitunter die beste Zeit meines Lebens. Der Staat hatte uns hier zwar ein Stück weit gegen unseren Willen zusammengewürfelt, doch noch heute bin ich für dieses Pflichtjahr dankbar. Es hat mir Einblicke in unsere Gesellschaft und Kontakte zu Menschen gebracht, die ich aus eigenem Antrieb niemals angestoßen hätte. Ich fand es deshalb schade, als der Ersatzdienst einfach eingestellt wurde, damit die Schulen unsere Jungs und Mädels künftig einfach ohne jede Unterbrechung in die gierigen Klauen der Wirtschaft ausspucken können.

Für meinen Teil plädiere ich daher für die Wiedereinführung des Ersatzdienstes, nicht unbedingt für die Wehrpflicht, aber für ein augenöffnendes und horizonterweiterndes Pflichtjahr für alle egal – ob Jungen oder Mädel. Wie erdend und klärend könnte dies doch in einer Welt sein, deren blankes Überangebot an Möglichkeiten ansonsten nur noch mit dem Selbstschutz geschuldeten Tunnelblick zu ertragen ist. Ich jedenfalls habe vieles aus dieser Zeit für mich mitgenommen. Während die Gonorrhoe glücklicherweise wieder abgeklungen ist, halten damals geschlossene Freundschaften und ein offener, erweiterter Blick auf die Welt noch bis heute vor. Deswegen: Schluss mit “Alles kann – nix muss” – Mehr Pflicht für den Wicht.