Coming home – Zurück im wilden Wildpark

Mein erstes KSC Heimspiel nach 20 Jahren Pause

Kreist die Wand an Freunde, wo sind die Jahre nur geblieben? Zwanzig von ihnen sind einfach so im Lokus davon gerauscht, seit ich in Karlsruhe meine wilden, jungen und freien Tage durchzechte… Wohnhaft in einer rosa gestrichenen Zwei-Zimmer-Absteige im Hirschhof, gelegen zwischen Schwulenbar und Metersauf-Spelunke…jeden Abend auf Achse und unbedarft im Umgang mit Substanzen, die man im Zweifelsfall besser konservativ dosiert… das war euer Tommy an der Schwelle zweier Jahrtausende.

Neben meiner Leidenschaft für Bier, Zigaretten und schönen Frauen, gab es aber noch etwas anderes, dass mich regelmäßig auf die Straße lockte: Väterchen Fußball. Versteht mich nicht falsch Freunde, ich war nie ein Kenner, kannte keine Tabellenstände, Quoten oder Eckball-Verhältnisse… ich liebte das Erlebnis Fußball… wenn Tausende im Stadion sich Seite an Seite erregen und bis zum kollektiven Orgasmus die eigene Mannschaft besingen, verdammen, bejubeln, stürzen oder anfeuern. Wenn diese geballten Emotionen in Wogen und Wellen über die Ränge und Tribünen rauschen, reißt dich das einfach mit, begräbt dich unter sich und lässt dich in Ekstase wieder auferstehen. Und natürlich das extra Goodie für gebürtige Karlsruher: Wenn du an diesen “ganz besonderen Tagen” auf dem Parkplatz dann noch einen kleinen verbalen Showdown mit den Affen aus Lautern, Stuttgart oder Mannheim genießen durftest, hätte an diesem Abend ruhig der Blitz einschlagen können, du wärest (nach dem anschließenden Absacker im Carambolage) glücklich gestorben.

Na ja, amigos, alles hat einmal ein Ende und auch meine wilden Jahre blieben davon nicht verschont. Macht euch nichts vor, ihr jungen Hasen, dieses Schicksal ereilt euch auch noch: Du wirst älter, unflexibler, kriegst Kinder, heiratest, deine Haare wandern vom Scheitel auf den Rücken und deine höchstpersönliche Sperrstunde rückt mit jedem Jahr eine halbe Stunde weiter nach vorne. Lacht nie über ein armes Schwein in der Midlife-Crisis, irgendwann holt sie euch auch.

In dieser wirren Umbruchphase, in der sich (ihr ahnt es schon) aktuell auch euer heißgeliebter Tommy wiederfindet, unternehmen Männer hin und wieder den einen oder anderen unreflektierten Blödsinn. Sie kaufen sich einen Sportwagen oder kehren – wie ich mangels Budget – ins Stadion zurück. Am vergangenen Wochenende wollte ich es noch einmal spüren und pilgerte zum Heimspiel des KSC gegen die Pappnasen von Holstein Kiel.

Schon die Anfahrt zum sich derzeit im Umbau befindlichen Wildparkstadion und den damit einhergehenden, mannigfaltigen Straßensperrungen, war ein echter Spaß. Die Verkehrslage auf dem Adenauerring könnt ihr euch in etwa so vorstellen, wie wenn bei Ferienbeginn in Baden-Württemberg zeitgleich alle Autobahnkreuze und Dreiecke im Land synchron gesperrt werden. Wäre ich zu Fuß von Kraichtal nach Karlsruhe aufgebrochen, wäre ich definitiv schneller vor Ort gewesen. Irgendwann gelingt es mir, kurz hinter der französischen Grenze einen Parkplatz zu ergattern und wenige Stunden später stehe ich vor dem Hauptportal des Stadions.

Himmel Herrgott, was ist hier passiert? Ich erkenne nichts wieder. Offenbar hat ein Architekt mit einem Fetisch für Sichtbeton die Neugestaltung des Stadions in Angriff genommen, die Aussprache des neuen Namens lässt bei Ortsfremden vermutlich auf chronisches Stottern schließen. Am Eingang wird mein 3G Status kontrolliert, unnötig zu erwähnen, dass das vor 20 Jahren auch anders war.

Überhaupt hat sich verdammt viel verändert, das ganze Prozedere im Stadion wirkt sehr viel professioneller, als es dereinst der Fall war. Na ja, gut, als ich das letzte Mal hier war, war der KSC gerade am absoluten Tiefpunkt angelangt. Abstieg in die Regionalliga, das hässlichste Logo der Vereinsgeschichte und sogar Jogi Löw konnte das Ruder erst einmal nicht rumreißen. Doch auch in der bittersten Stunde hatte der KSC immer seine treuen Fans, der harte Kern hat den Blau-Weißen immer die Stange und die Treue gehalten. Diese Fans waren damals da und diese Fans sind auch noch heute da – das spürst du in dem Moment, in dem sich der Besucher-Tunnel vor dir öffnet und du in die Weite des Stadions eintauchst. Ein Meer aus blau-weißen Fahnen, Fangesänge und eine rappelvolle Tribüne, in der jeder Stehplatz besetzt ist. Die alten, labelligen Hartschalensitze gibt’s nicht mehr, die Fankurven unter freiem Himmel sind verschwunden, stattdessen gähnt auf einer Längsseite die Baustelle der neuen Haupttribüne. Der Rasen ist so grün und akkurat, dass er irgendwie “gephotoshopt” wirkt, gar nicht so leicht im Reallife.

Abgesehen davon, ist aber erst einmal alles wie früher. Wir singen unsere Hymnen: Für immer KSC, KSC Ole Ole und natürlich das Badnerlied. Und auch das funktioniert noch: Gibt der eine Fanblock ein langgezogenes “Kaaaarlsruheeee” von sich, antwortet der andere mit üppigem Echo. Ich überlege mir noch schnell einen Becher Bier zu holen, doch die Schlange ist endlos lang und bei den Preisen entscheide ich mich doch besser für die Abzahlung einer Hypothekenrate… Ach, wobei, was soll’s. Ich parke 35 Kilometer entfernt und die Bullen haben bestimmt besseres zu tun, als einen alten Sack im Volvo rauszuziehen. Bier an me no!

Dann geht es los, die Mannschaften marschieren aus ihren Bau-Containern auf den grell-grünen Platz. Ohne Brille kann ich keine Gesichter erkennen, aber – meine Fresse – wenn alles beim alten ist, müssten das Schütterle, Scharinger, Stumpf und Buchwald sein, die sich da in klassischer Viererkette in Position bringen. Das Stadion tobt beim Anpfiff, die Fans sind bereits jetzt auf Betriebstemperatur. Im Gästeblock haben sich ungefähr fünf Holstein Fans versammelt, deren Schlachtruf “Holstein Kiel” in etwa so kreativ ist, wie wenn jemand names Michael den Spitznamen Michael trägt.

Mit dem ersten Fehlpass eines Blauen, ich kenne kein Schwein da unten, erwacht mein Sitznachbar zum Leben. Dem Vernehmen nach einer unserer badischen Schwarzwälder, deren Dialekt schon etwas unangenehm ins Schwäbische abrutscht. Wir nennen ihn der Einfachheit halber Günther. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, Günther würde fortan die gesamten 90 Minuten ohrenbetäubend durchbrüllen und allen Gästen in einem Radius von 100 Metern ungefragt und permanent seine Expertisen ins Ohr stoßen. “Was seidn ihr für Seggl”, “Des konn ja ich besser”, “Had der Schiri oigentlich de Aasch uffe?”. Am Anfang prognostiziert Günther 0:0, dann ein 1:1 und ist sich später sicher, die Holsteiner mit einem 0:2 nach Hause zu schicken. (Die Nummer endete übrigens mit einem 2:2).

Trotz Günter und trotz Panorama-Ausblick auf ein Baustellen-Brachland, macht der Tag im Stadion Spaß. Neben den Fangesängen rollt immer wieder die Masken-Laola durch die Reihen: Wenn die Ordner kommen – Maske auf – in der Sekunde, in der Sie vorbei sind – Maske wieder runter. Wie eine eingeübte Choreographie, äußerst beeindruckend Karlsruhe. Was etwas nervt, ist die penetrante Werbung zu jeder Gelegenheit. Mit lautem “Klonk” wird der Sponsor der Anzeige der Eckball-Verhältnisse eingeblendet und sogar ein Bestattungsinstitut wirbt auf der Bande in bunten Farben für das perfekte “letzte Match”. Die Eier muss man erst einmal haben, Chapeau.

Nach etwa 90 Minuten dann der Schlusspfiff, die Länge scheinen sie über die Jahre beibehalten zu haben. Die Stimmung ist gut, nur zwei Minuten vor dem Abpfiff hat der KSC mit dem 2:2 – Ausgleichstreffer die nächste Niederlage abwenden können, für heute muss das reichen. Eine blau-weiße Welle ergießt sich auf das Umland und die Parkplätze, die sich selbst und alles drumherum für mindestens eine Stunde lahmlegen und blockieren wird. Ich sitze in meinem Auto und hänge nostalgischen Gefühlen und Gedanken hinterher. So vieles hat sich seit meinem letzten Stadionbesuch geändert. Als ein junger Mann (garantiert aus Oberreut) auf mein Auto zutaumelt und quer über meine Motorhaube reihert, muss ich dann doch selig lächeln – alles hat sich eben doch nicht geändert. Ja so lange, für immer KSC!