Zu laut für die Lerche

Nach den Katzen trifft es nun auch die menschlichen Bewohner

Diesen Sommer werden die Menschen in Walldorf vermutlich so schnell nicht vergessen. Weil die akut vom Aussterben bedrohte Haubenlerche im Süden der Stadt brütet, haben die Behörden per Allgemeinverfügung angeordnet alle freilaufenden Katzen von April bis August in die Häuser und Wohnungen zu verbannen.

Doch damit ist es offenbar noch nicht getan. Lärm- und Emissionsmessungen in den vergangenen Tagen hätten klar aufgezeigt, dass auch menschliche Aktivitäten derart störend auf die sensiblen Tiere wirken können, dass auch solche zum Schutz der Vögel eingeschränkt werden müssen, so ein Behördensprecher gegenüber unserer Redaktion. “Auch wenn wir uns der Tragweite dieser kontroversen Entscheidungen durchaus bewusst sind, bleibt uns keine andere Wahl, als mit einer weiteren Allgemeinverordnung laute Aktivitäten im betroffenen Bereich Walldorfs zu reglementieren” so der Sprecher weiter.

Zu diesen lauten Aktivitäten gehört nach einer nun vorab bekannt gewordenen Aufstellung, unter anderem Motorenlärm durch Fahrzeuge. Von April bis August wird deshalb der südliche Teil Walldorfs für sämtlichen, motorisierten Verkehr vollständig gesperrt. Ausnahmegenehmigungen gibt es lediglich für Elektrofahrzeuge, keine Einschränkungen hingegen für Fahrräder, sofern die Klingel nicht betätigt wird. Auch der Luftraum über der Stadt wird weiträumig abgeriegelt, Linienflüge über andere Luftkorridore umgeleitet.

Anwohnerinnen und Anwohner können sich weiterhin im betroffenen Stadtgebiet aufhalten, dürfen allerdings einen maximalen Lärmpegel von 40 Dezibel nicht überschreiten. “Wir empfehlen Unterhaltungen im öffentlichen Raum in der Zeit von April bis August zu unterlassen, falls unbedingt notwendig ist eine Verständigung im Flüsterton allerdings zulässig” geht die behördliche Anordnung in der Begründung der Verfügung ins Detail. Schreiende Babys allerdings sind während des Sommers in Walldorf ein No-Go, betroffene Mütter können jedoch beim Amt einen sogenannten “Noise-Cancelling Dummy” – zu deutsch einen Schallschutz-Schnuller für ihren Nachwuchs beantragen.

Oben benannte Dezibel-Grenze gilt auch für Aktivitäten in der heimischen Wohnung im betroffenen Gebiet. So darf bei offenem Fenster weder ferngesehen noch Musik gehört werden. “Um dies sicherstellen zu können, haben wir uns pragmatisch dazu entschlossen die Stromversorgung im Süden Walldorfs von 18 Uhr am Abend bis 6 Uhr am Morgen zu unterbrechen” so der Behördensprecher. “Auf diese Art und Weise, schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Wir gewährleisten die nötige Nachtruhe für die Haubenlerche und helfen dabei, aktiv Energie einzusparen. Gern geschehen.”

Auf die massive Kritik aus der Bevölkerung reagiert die Behörde indes gelassen, schließlich sei die nun erlassene Verordnung bereits ein Kompromiss und als großes Entgegenkommen zu werten. “Auch eine Evakuierung des Walldorfer Südens stand durchaus zur Debatte und könnte je nach den nun zu sammelnden Erfahrungen, auch im kommenden Sommer eine realistische Option sein.” Eine kurzfristige Unterbringung der Anwohnerinnen und Anwohner in der Walldorfer Filiale einer großen Möbelkette sei demnach bereits geprüft worden, die Räumlichkeiten böten immerhin eine ausreichend große Anzahl an verfügbarer Betten.”

Es dürfte also ein angespannter Sommer werden in Walldorf. Doch keine Sorge, auch diese Tage gehen zu Ende. Ob sich das Leben aber danach wieder normalisiert, bleibt zweifelhaft. Nach Informationen unserer Redaktion wurde unlängste bei Bauarbeiten entlang der L723 ein Exemplar der sehr seltenen Halskrampfkröte entdeckt.